Sensation in Bochum: Jannik Gerhardy fliegt zu DM-Gold und bucht das EM-Ticket
Bochum – Bei den Deutschen U18-Leichtathletik-Meisterschaften im Lohrheidestadion in Bochum hat Hochspringer Jannik Gerhardy von der Troisdorfer LG sensationell den deutschen Meistertitel gewonnen. Mit übersprungenen 2,08 Metern setzte sich der Troisdorfer in einem hochklassigen Wettkampf gegen die nationale Elite durch. Der Erfolg ist das Resultat einer außergewöhnlichen Teamleistung, eiskalter Nervenstärke und einer punktgenauen sportlichen Planung. Das Timing passte perfekt: Zeitgleich feierte die Troisdorfer LG in der Heimat ihr 60-jähriges Vereinsbestehen – Gerhardy lieferte dazu das passende sportliche Geburtstagsgeschenk.
Die Vorbereitung: Eine trainingswissenschaftliche Punktlandung
Hinter dem Triumph liegt eine monatelange Leidenszeit. Ein hartnäckiges Patellaspitzensyndrom am Stemmbein bremste Gerhardy die gesamte Saison über aus. Um das Knie zu schonen, musste Jannik auf wichtige Wettkämpfe und Landesmeisterschaften verzichten. Die Vorbereitung war eine medizinische und trainingswissenschaftliche Punktlandung. Da Heimtrainer Michael tom Felde zeitgleich seine eigenen Kinder beim Pau Gasol Basketball Camp in Barcelona begleitete, konnte er in Bochum nicht an der Bande stehen. Die sportliche Planung und der Fahrplan für diesen Wettkampf standen jedoch. Die Umsetzung und Betreuung vor Ort wurde durch Landestrainer Roman Buhl kompetent übernommen. Für die medizinische Stabilität in den letzten Monaten sorgte die physiotherapeutische Praxis „Balance Point“ (Sebastian Sohns) in Bonn. Die klare Marschroute für Bochum lautete: Das offizielle EM-Limit von 2,01 Metern springen und Platz eins oder zwei für die sichere Nominierung absichern.
15-Sprung-Marathon und Nervenkrimi bei 1,94 Metern
Der Wettkampfverlauf verlangte Jannik alles ab. Da er verletzungsbedingt kaum Hochsprungtraining absolvieren konnte, war ein ungewöhnlich früher Einstieg bei 1,85 m notwendig, um im großen Teilnehmerfeld Rhythmus und Anlauf aufzubauen. Das führte zu einem enormen Pensum: Während die Konkurrenz im Schnitt mit maximal neun Versuchen durchkam (normal sind 8-10 Sprünge), musste der Troisdorfer 15-mal anlaufen – eine extreme Belastung für sein Knie.
Bei 1,94 m folgte der Moment, der den EM-Traum fast platzen ließ. Jannik leistete sich zwei Fehlversuche. Mit dem Rücken zur Wand bewies der U18-Athlet jedoch die Nervenstärke eines Routiniers, behielt trotz böiger Windverhältnisse seine Routine und rettete sich im dritten Versuch im Wettbewerb.
Taktisches Finale und der Sprung nach Europa
Bei der internationalen Spitzenhöhe von 2,06 Metern folgte der sportliche Wendepunkt. Während der Top-Favorit und amtierende deutsche U20-Hallenmeister Jan Ungeheuer (Turnklub Grevenbroich) mit den Bedingungen kämpfte, flog Jannik direkt im ersten Anlauf fehlerfrei über die Latte. Dieser perfekte Erstversuch erhöhte den Druck auf Ungeheuer massiv. Um im Kampf um Gold zu bleiben, nahm der Grevenbroicher seine verbleibenden Versuche mit auf die nächste Höhe von 2,08 m.
Das Risiko des Favoriten wurde nicht belohnt – Jan Ungeheuer riss die Höhe. Damit stand Jannik Gerhardy vorzeitig als Deutscher Meister fest. Befreit von jeglicher Last überquerte der frischgebackene Champion im dritten Versuch auch die 2,08 Meter und untermauerte sein EM-Ticket meisterlich. Auf weitere Sprünge bei 2,10 m verzichtete das Trainerteam.
„Nach den Monaten voller Knieschmerzen war dieser Wettkampf unglaublich“, erklärte Jannik Gerhardy. „Als ich bei 1,94 m im dritten Versuch stand, ging es um alles oder nichts, da war ich schon nervös“. „Dass es dann sogar noch zu 2,08 Metern und Gold gereicht hat, kann ich selbst kaum fassen.“
Heimtrainer Michael tom Felde ergänzte aus Barcelona: „Nach dem starken Wettkampf in Siegburg wussten wir: Wenn das Knie hält, ist eine Punktlandung bei 2,06 Metern drin. Der Plan stand in der Theorie und Roman Buhl hat ihn vor Ort mit Jannik super umgesetzt. Ich bin unglaublich stolz auf Janniks mentale Stärke – er hat das selbst absolut stark gelöst. Mein besonderer Dank gilt unserer Troisdorfer LG: Dass der Verein uns komplett freie Hand gelassen und vertraut hat, war das unschätzbare Fundament für diesen Erfolg.“
Mit seiner Siegerhöhe von 2,08 Metern wird Gerhardy aktuell auf Platz 9 in Europa geführt. Vom 16. bis 19. Juli 2026 wird er nun das Nationaltrikot bei der U18-Europameisterschaft in Rieti (Italien) vertreten.


